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Man in the Box

Eintrag erstellt von Zlatanos · - 1.485 Ansichten

Man in the Box

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Endlich Freitag. Es ist Mittagspause. Ich kralle mir meinen Autoschlüssel, zieh meine Lederjacke an und setze die Sonnenbrille auf. Verdammt, seh ich lässig aus. Um das ganze noch zu krönen, zünde ich mir mit meinem Zippo eine Kippe an. Innerlich fühle ich mich wie James Dean. Cooler Typ.

Ich mache mich auf den Weg zum Edeka. Wir lieben Lebensmittel. Ich auch. Kurzerhand kaufe ich mir einen CurryKing. Natürlich die XXL Version, heut lass ich es krachen. An der Kasse erblicke ich aus dem Augenwinkel feinstes Stöckelwild. Schwarzes Fell, aerodynamische Figur. Ich habe nur einen 50er, aber das sollte mich jetzt nicht unbedingt nach hinten werfen. Schnell bezahlt, ein paar freundliche Worte mit der Kassiererin gewechselt. Man kennt sich.

Sie heißt Tina, spielt Handball und arbeitet in der Nähe. Ich habe nur wenig Zeit, die Nummer muss reichen. Ich kann mein Grinsen nicht verbergen. Ein Küsschen links, eines recht. Verdammt, warum hat man damals immer so ein riesen Ding daraus gemacht? Ausstrahlung ist alles. Oder der Bart.

Damals waren da immer die älteren Typen, die unsere Prinzessin wie Scheiße behandelt haben, mit ihren Lederjacken und 3-Tage Bärten. Frauen muss man doch nett behandeln. Trotzdem hingen sie an ihnen. Also ließ man sich einen 3-Tage Bart wachsen und kaufte sich eine Lederjacke.

Ich checke kurz mein Handy, eine Nachricht bei Lovoo. Ein Mädchen aus Wismar, kommt mir bekannt vor. Ich frage sie, ob ihre große Schwester auch damals studiert hat. Nein. Sie war es selbst. Ich weiß sogar noch ihren Namen. Sowas merk ich mir nicht mal 5 Minuten. Warum dann jetzt?

Leicht verstört stottere ich mir ein paar Antworten zusammen, keine Antwort mehr von ihr. Fuck, was soll der Mist hier? Ich schmeiße mein Handy ins Auto und reiße die Musik auf. Tina geht vorbei und lächelt mir nochmal zu.

Alice in Chains liegt im Wechsler und wartet nur darauf mir ihre Lebensweisheiten ins Gesicht zu brettern, hammer Band. "I'm the man in the box" trällert es aus meinen Lautsprechern. Bei dem Song kriege ich immer Gänsehaut. Live, 1991 in Seattle. Der Sänger hat eine Stimme, die sich tief in die Seele bohrt. Leider lebt er nicht mehr, wie so viele gute Leute.

Erstmal 'nen Smoothie. Gesund muss sein. Bevor ich auch noch so ende. Nebenbei singe ich lautstark mit. Die Leute auf dem Parkplatz gucken mich an, als wäre ich Osama Bin Laden. Dabei fällt mir auf, dass ich ziemlich oft solche Situationen habe. Ist es der Bart? Nein, der ist lässig. Die Leute sind einfach zu verklemmt, so einfach ist das.

Das Leben ist kurz, man muss es genießen. Sagen alle, keiner macht es wirklich. Ich auch nicht, lange Zeit. Mittlerweile ist mir irgendwie so vieles total Rille. Das Problem dabei ist, wenn man einfach macht, was man selbst will, dann stößt man an so viele Ecken und Kanten. Die Gesellschaft will dir irgendwas vorschreiben. Aber so groß braucht man dabei gar nicht denken. Selbst deine Freunde gucken dich schon schief an, wenn du aus der Reihe tanzt. Fuck that.

Ich heize los. Fühle mich wie Vin Diesel in F&F, nur nicht ganz so'n Gorilla. Überlege kurz, ob er einen Erdnusspimmel hat, kümmere mich dann aber wieder um wichtigere Dinge.

Eine Freundin ruft mich an und fragt, was sie heute Abend kochen soll, ich darf mir was wünschen. Wie zum Teufel soll man in diesem Leben nicht glücklich sein?! Es sind halt die kleinen Dinge. Das musste ich auch erstmal checken. Ich dachte oft zu groß. Warum eigentlich? Man soll immer so erfolgreich sein. Für wen denn? Damit wieder alle sagen: Ja, gut gemacht. Sonst lohnt sich das Leben ja nicht, du Versager. Oder sowas. Keine Ahnung, alles Unfug.

Ich wünsche mir kurzerhand ein saftiges Steak. Mal schauen, wie groß die Liebe zu mir ist, schließlich ist sie Vegetaröse. Ich fühle die Hörner auf meinem Kopf. Hähä

Ich gehe kurzerhand nochmal meinen Plan für das Wochenende durch. Heute Abend Kochen bei der Freundin. Morgen möglicherweise kurz das heimische Nest anfliegen. Danach wiederum mit einer anderen Freundin feiern gehen. Sonntag ruhe ich mich etwas aus, dann übernachtet wieder eine andere Freundin bei mir. Ich seh so langsam nicht mehr durch. Ich frage mich, wie ich das Wochenende noch besser gestalten könnte, schließlich ist das mein verdammter Monat. Noch in Tausend Jahren soll man davon noch reden. Oder einen Feiertag einführen. Was auch immer. Ich schreibe einen Kumpel an, ob er morgen mitkommen will. Mal sehen. Okay, das muss reichen. Was noch?

Etwas überfordert komme ich wieder bei der Arbeit an. Alle sind gut drauf, es ist Freitag und die Sonne scheint wie im Sommer. Jetzt Grillen und Bierchen trinken. Ich schwelge in meinem Tagtraum, kann schon fast das blonde Nass auf meiner benetzten Zunge spüren, da merke ich, dass jemand mit mir redet. Ich hab keine Ahnung, was er da redet und nicke einfach mit dem Kopf. Dann merke ich, dass es irgendwie wichtig klingt, also sage ich ihm kurz, dass ich überhaupt nicht anwesend war. Er wiederholt, ich merke, war doch nicht so wichtig.

Mit einer geselligen Zufriedenheit schlurfe ich den Flur entlang und geh in mein Büro. Erstmal die Wurstpelle mit Currygeschmack in den Hals werfen. Nebenbei google ich ein wenig nach Humphrey Bogart. Cooler Typ. Dabei stoße ich auf einen Text:

"Humphrey Bogart ist Legende. Die Männer schätzten seine Freundschaft, die Frauen fühlten sich zu ihm hingezogen, und dem Filmpublikum bietet er auch Jahrzehnte nach seinem frühen Tod noch immer Möglichkeiten, sich mit seinem Leinwandcharakter zu identifizieren. Er war der Liebhaber und Gangster, unter dessen rauher Schale ein romantischer Kern steckte. Er war der Rebell, der sagte, was er dachte, der sich auflehnte, aber für die Sache auch einzustecken bereit war. Es besaß Tugenden und Laster, war zynisch und doch wieder einfühlsam. Er gab sich unabhängig und war doch immer auf der Suche nach Bindung. Er war Gewinner und Verlierer. Steckt in uns allen nicht ein wenig von Bogie?"

Ich erkenne mich wieder und bin etwas beunruhigt. Suche ich auch nach Bindung? Vielleicht tun wir das alle irgendwo. So viele Menschen auf diesem Planeten und doch sind wir alle irgendwie einsam. Hin und wieder eine Beziehung, ansonsten schwimmt man in einem Meer voller Muschis, wie Hank Moody (großer Philosoph des 21. Jahrhunderts) zu sagen pflegte. Doch ist man damit Gewinner oder Verlierer? Und warum schreibe ich hier wie Sex and the City für Männer?!

Fuck, erstmal 'nen Kaffee. Während ich das flüssige Gold genüsslich schlürfe, denke ich über Sex and the City nach. Wie viel Wahrheit steckt eigentlich darin? Was so erfolgreich war, muss irgendwo einen wahren Kern haben. Entweder man findet sich darin wieder oder man wünscht es sich. Ansonsten wäre es irgendwo im Hades verschwunden und keiner wüsste mehr, was die Serie eigentlich sein sollte.

Ich habe damals ein paar Folgen gesehen und fand es doof. Heute, älter, weiser, attraktiver, versteh ich das Konzept dahinter etwas besser. Man findet so ziemlich jeden Archetyp von Frau darin wieder. Die Versaute, die Business-Emanze, die Familienglucke und die Frau, über jeden Mist grübelt und einen Blog schreibt.

Jetzt bin ich noch mehr beunruhigt. Denke ich zu viel nach? Pffft. Und wenn schon.

Welche würde eigentlich zu mir passen? Hmm...

Würde das halten? Man weiß es nicht...

Oder doch eher mal die eine, dann die andere?....

Ich komme zu der Erkenntnis, dass ich eigentlich nicht viel nachdenke und entschließe mich die Nymphomanin zu wählen.

Zeitgleich grinse ich innerlich darüber, dass Bogie sie alle kriegen würde. Cooler Typ. Noch ein richtiger Mann. Gibt es heute ja eher selten zu sehen. Und wenn, dann wollen ihn alle in den Käfig sperren. Aber nicht, weil er toll ist und ausgestellt werden muss. Nein, weil er gefährlich ist. Dieses evolutionsbehinderte Monster!

Ich erinnere mich an gestern Nachmittag. Nach Feierabend bin ich noch in die Buchhandlung. "Lebenshilfe" oder so heißt meine Abteilung. Als wenn ich das bräuchte. Pfffft.

Dabei fiel mir auf, dass Unmengen an Büchern über das "wahre Mann-sein" geschrieben wurden. Und ALLE von FRAUEN. Alle!

Wissen Frauen denn besser, wie man Mann sein soll?

Verstörend. Neugierig ließ ich meinen Blick durch die Buchhandlung wandern und fand einen Mann in der Romane-Abteilung, während eine Frau in der Handwerkerabteilung suchte.

Okay, irgendwas ist hier falsch.

Ich registriere einen blonden Östrogenweiher ein paar Schritte neben mir. Feinstes Erbgut.

Sanft wie eine Gazelle und mit dem intelligentesten Anmachspruch gleite ich zu ihr rüber:

"Hey, was geht?!"

Ich stelle mich kurz vor, eröffne ihr mein Problem und während sie mir ihre Hand gibt, ziehe ich sie damit auch schon in die Lebensbewältigungstherapie oder wie die Abteilung hieß.

"Sach mal, kannst du mir helfen ein richtiger Mann zu werden? Guck mal hier..." und zeige auf geschätze 3000 Bücher zu dem Thema.

"Als wenn du das bräuchtest".

Die gute Frau war glücklich verheiratet und etwas älter als ich jemals erahnen könnte, aber immerhin konnte ich zufrieden mit mir und der Welt in die Romane-Abteilung gehen.



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