18 Beiträge in diesem Thema

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Hallo zusammen, 

Ich bin gerade ein bisschen perplex, trotzdem versuche ich mal, mich verständlich auszudrücken:

Ich lese zur Zeit das Buch "Verführe mit Persönlichkeit" von Mark Lambert. Einige werden es sicherlich kennen. Es war das erste Mal, dass ich für einen Ratgeber mehr als 20 Euro ausgegeben habe, aber ich war noch nie derartig baff beim Lesen. Das letzte Mal ging es mir so, als ich mich tiefer mit Wertkritik, Marx und Kapitalismus auseinander gesetzt habe. Im Anschluss war mein Weltbild komplett über den Haufen geworfen... Jedenfalls legt er den Finger in die Wunde. So dezidiert habe ich das auch hier im Forum nicht gefunden (zumindest nicht so kompakt und ohne großen Rechereaufwand). 

Was am meisten sticht: Im Bezug auf Frauen fehlt mir oft das nötige Selbstbewusstsein. In beruflichen Situationen auf sicherem Terrain, habe ich meistens keine Probleme mich durchzusetzen, eher im Gegenteil: da bin ich fast zu forsch. Aber im Privaten ist es oft anders... Oft habe ich Sachen akzeptiert, die mir nicht gefallen haben, einfach um den Gegenpart nicht zu verletzen, habe es runtergeschluckt usw. Um dieses Defizit zu kompensieren, habe ich eeeeeexxxtrem viel Wert auf Aussehen gelegt, auf Sport, darauf, zu gefallen usw.

Seit Jahren (!) fühle ich, dass etwas nicht passt, aber ich wusste nie wirklich, was es ist. Ich glaube, dass ich es jetzt verstanden habe: ich hab mich einfach zu oft selbst verleugnet und nicht zu mir gestanden! Und das hat irgendwas in mir "entsprechend" quittiert. Ein schales Gefühl des Nicht-gut-genug-Seins. Und egal was ich gemacht habe, egal welcher Erfolg (ob bei Frauen, im Studium, im Job, im Sport...) sich eingestellt hat, es hat nie wirklich aufgehört. So eine Mischung aus Anspannung und nebliger Angst. Seit ein paar Tagen laufe ich rum und kommuniziere, wenn ich etwas empfinde, etwas fühle. Eigentlich habe ich jahrelang meine Emotionen unterdrückt, positive wie negative.

Kann sowas auch zu mangelndem Selbstbewusstsein führen? Ich glaube schon, schließlich lehne ich ja so meine Gefühlswelt ab, oder? Warum macht man sowas? 

Hat jemand schon solche Erfahrungen gemacht bzw einen ähnlichen Weg hinter sich? Mich würde einfach interessieren, wie sich richtiges Selbstbewusstsein anfühlt! Bis jetzt habe ich es immer von externen Erfolgen abhängig gemacht, das hat mich zwar erfolgreicher, aber nicht glücklicher gemacht! Wie kann ich mit mir selbst zufrieden sein, auf mich stolz sein, mich einfach "geil" finden, ohne von externen Erfolgserlebnissen abhängig zu sein? 

Gruß, B

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vor 3 Stunden, Bondig schrieb:

Kann sowas auch zu mangelndem Selbstbewusstsein führen? Ich glaube schon, schließlich lehne ich ja so meine Gefühlswelt ab, oder? Warum macht man sowas? 

Ich würd's vielleicht eher umgekehrt sehen: Die Tatsache das du in der Vergangenheit Dinge unterdrückt hast (und stattdessen versucht hast durch Aussehen, beruflichen Erfolg etc. zu beindrucken) wäre aus meiner Erfahrung schon eine Folge niedrigen Selbstwertgefühls. Und ja, je mehr du das tatest, umso mehr kommst du in die Schleife.

vor 3 Stunden, Bondig schrieb:

Bis jetzt habe ich es immer von externen Erfolgen abhängig gemacht, das hat mich zwar erfolgreicher, aber nicht glücklicher gemacht! Wie kann ich mit mir selbst zufrieden sein, auf mich stolz sein, mich einfach "geil" finden, ohne von externen Erfolgserlebnissen abhängig zu sein? 

Selbstwert hat für mich auch immer mit unseren eigenen Werten und Bewertungsmodellen zu tun. Könnte mir vorstellen das da bei dir eine Neuorientierung ansteht. Also z.B. von externer Validation auf interne Validation. Weg von "Ich bin wert was ich leiste" zu "Ich bin wert weil ich einfach ich bin".

Nach deinen anderen Threads gabs bei dir ja einiges zu verdauen und zu verarbeiten. Wäre professionelle Begleitung eine Option? Das geht halt deutlich einfacher und schneller als im Selbststudium mit Büchern oder Ähnlichem.

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vor 5 Stunden, Bondig schrieb:

Kann sowas auch zu mangelndem Selbstbewusstsein führen?

du fragst also ob es zu mangelndem selbstbewusstsein führen kann wenn man sich seiner selbst nicht bewusst ist?

selbstbewusstsein ist wie der ausdruck ja schon nahe legt einfach das bewusstsein über sich selbst. gefühle, körper, gedanken, sinneswahrnehmungen, einfach alles was von dir kommt.

einfaches beispiel:

du sprichst eine frau an und bist nervös. du bist also nicht mehr @Bondig, du bist jetzt nervös (ja genau du bist jemand/etwas anderes). die emotion übernimmt die kontrolle. das passiert nur wenn du dich der emotion (die ja gerade teil von dir und deiner selbst ist) nicht bewusst bist. du stotterst, deine hände schwitzen, blackout. du bist gedanklich ganz woanders. nicht bei dem gespräch, dir und deinem gegenüber sondern irgendwo zwischen korb und gelächter. aus diesen gedanken entsteht zwangsläufig eine emotion die gerne die kontrolle übernimmt. lass das nicht zu. wenn du nervös bist dann ist es ein teil von dir. nimm es wahr und die emotion hat keine kontrolle mehr. du bist/bleibst du selbst. 

selbstbewusst zu sein ist ungefähr genauso kompliziert wie atmen. ein natürlicher zustand deiner selbst. 

falls du nicht verstehst was ich meine suche situationen in deinem leben in denen du selbstbewusst auftrittst und es auch bist. beobachte deinen bewusstseinszustand in diesen momenten und dann vergleiche es mit momenten in denen du nicht selbstbewusst bist. dann merkst du schnell was ich meine. einmal erkannt kannst du dieses prinzip überall anwenden. es ist immer die gleiche mechanik die dort arbeitet. nur die emotionen, orte, menschen und situationen sind anders. aber das spielt im kern keine rolle.

wenn du den ursprung des problems begreifst kannst du jeden tag dankbar dafür sein. es ist ein geschenk unschätzbaren wertes.

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Selbstwert ist keine Konstante und auch nicht in jedem Bereich gleich  Mit geht es ähnlich wie dir: Beruflich alles top, privat haperte es an einigen Stellen. Mit dem Erfolg kommt das Selbstvertrauen. Dazu muss man sich aber eben auch trauen und in schwierige Situationen begeben und diese bestehen. Nimm dir die Zeit dafür, es lohnt sich.

bearbeitet von Sam Stage
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Gast
vor 13 Stunden, Bondig schrieb:

Hallo zusammen, 

Ich bin gerade ein bisschen perplex, trotzdem versuche ich mal, mich verständlich auszudrücken:

Ich lese zur Zeit das Buch "Verführe mit Persönlichkeit" von Mark Lambert. Einige werden es sicherlich kennen. Es war das erste Mal, dass ich für einen Ratgeber mehr als 20 Euro ausgegeben habe, aber ich war noch nie derartig baff beim Lesen. Das letzte Mal ging es mir so, als ich mich tiefer mit Wertkritik, Marx und Kapitalismus auseinander gesetzt habe. Im Anschluss war mein Weltbild komplett über den Haufen geworfen... Jedenfalls legt er den Finger in die Wunde. So dezidiert habe ich das auch hier im Forum nicht gefunden (zumindest nicht so kompakt und ohne großen Rechereaufwand). 

Was am meisten sticht: Im Bezug auf Frauen fehlt mir oft das nötige Selbstbewusstsein. In beruflichen Situationen auf sicherem Terrain, habe ich meistens keine Probleme mich durchzusetzen, eher im Gegenteil: da bin ich fast zu forsch. Aber im Privaten ist es oft anders... Oft habe ich Sachen akzeptiert, die mir nicht gefallen haben, einfach um den Gegenpart nicht zu verletzen, habe es runtergeschluckt usw. Um dieses Defizit zu kompensieren, habe ich eeeeeexxxtrem viel Wert auf Aussehen gelegt, auf Sport, darauf, zu gefallen usw.

Seit Jahren (!) fühle ich, dass etwas nicht passt, aber ich wusste nie wirklich, was es ist. Ich glaube, dass ich es jetzt verstanden habe: ich hab mich einfach zu oft selbst verleugnet und nicht zu mir gestanden! Und das hat irgendwas in mir "entsprechend" quittiert. Ein schales Gefühl des Nicht-gut-genug-Seins. Und egal was ich gemacht habe, egal welcher Erfolg (ob bei Frauen, im Studium, im Job, im Sport...) sich eingestellt hat, es hat nie wirklich aufgehört. So eine Mischung aus Anspannung und nebliger Angst. Seit ein paar Tagen laufe ich rum und kommuniziere, wenn ich etwas empfinde, etwas fühle. Eigentlich habe ich jahrelang meine Emotionen unterdrückt, positive wie negative.

Kann sowas auch zu mangelndem Selbstbewusstsein führen? Ich glaube schon, schließlich lehne ich ja so meine Gefühlswelt ab, oder? Warum macht man sowas? 

Hat jemand schon solche Erfahrungen gemacht bzw einen ähnlichen Weg hinter sich? Mich würde einfach interessieren, wie sich richtiges Selbstbewusstsein anfühlt! Bis jetzt habe ich es immer von externen Erfolgen abhängig gemacht, das hat mich zwar erfolgreicher, aber nicht glücklicher gemacht! Wie kann ich mit mir selbst zufrieden sein, auf mich stolz sein, mich einfach "geil" finden, ohne von externen Erfolgserlebnissen abhängig zu sein? 

Gruß, B

die Frage ist wer oder was ist deine Persönlichkeit, dass du nach lesen eines Buches alles über den Haufen wirfst ?

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vor 42 Minuten, Pimplegionär schrieb:

die Frage ist wer oder was ist deine Persönlichkeit, dass du nach lesen eines Buches alles über den Haufen wirfst ?

Dann ist der Text falsch angekommen. Ich werde jetzt nicht meine Persönlichkeit über den Haufen werfen, aber es gab einfach Kapitel, in denen ich mich recht gut wiedergefunden habe. Nur habe die Info so sauber aufbereitet noch nie gesagt bekommen.

Also es war mir einfach nicht bewusst! 

Es war mir nicht bewusst, dass ich mich viel zu häufig aus Angst vor Ablehnung angepasst habe. Wenn ich so auf mein Leben zurückschaue, dann waren es besonders die Situationen, in denen ich klare Kante gezeigt habe, auf die ich stolz war. 

Was @Sam Stage schreibt trifft es Genau: Es gibt Situationen, die beherrsche ich und in denen bin ich relativ sicher, also Angstfrei. Der Grund, warum mein Selbstwertgefühl so lange gelitten hat, war vor allem der Tatsache geschuldet, dass sich im Studium meine Ex getrennt, mein Freundeskreis auf mich geschissen hat und ich in einer Stadt war, die mir nicht gefiel. Außerdem hat es lange gedauert, bis ich wieder Leute im Studium gefunden, mit denen die Vibes gepasst haben. Will sagen: 

Man kann vieles selbst in die Hand nehmen, keine Frage. Aber vieles ist auch von äußeren Faktoren abhängig - oder wie man diese bewertet. 

Im Zuge der Ablehnungen durch die Ex und den Freundeskreis habe ich natürlich gelernt, "Ja" zu sagen, auch wenn es mir nicht gefiel. Glaub mir eins: wenn du derartig als Person hinterfragt wirst, dann fehlt dir jegliche Sicherheit. Mich hat das damals an den Rand meiner psychischen Belastbarkeit geführt, hatte ich keine Familie nicht gehabt, hätte es böse ausgehen können. 

Nur: Wenn du nicht weißt, warum sich alles so entwickelt hat, warum du so bist, wie du bist, dann weißt du nicht, woran du anpacken sollst. Und in der Deutlichkeit (mach es nicht allen recht / zieh dein Ding durch / sag einfach nein) und in dem Kontext wie in Lamberts Buch hat mir das noch nie jemand erörtert.

Selbstbewusstsein kann man trainieren, meine Erfolge waren vor allem beruflicher Natur, also habe ich da auch Erfolg. Wenn ich auf Arbeit eine Aufgabe bekomme, die besonders knifflig ist, freue ich mich a) darüber und denke mir b) dass ich im Studium Aufgaben unter viel krasseren Bedingungen bewältigt habe. Genau das gleiche Gefühl bzw Glaubenssatz will ich auch für den Privaten Bereich aufbauen. Jetzt mir auf jeden Fall klarer, woran es hängt. Und das beste Indiz dafür, dass ich auf dem richtigen Weg bin, ist mein Bauchgefühl. Wenn ich realisiere, dass ich in eine unangenehme Situationen komme, vor der ich mich bis jetzt häufig gescheut habe, werde ich mich in Zukunft reinstürzen. Es wird besser werden mir der Zeit. Man muss eben üben. 

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vor 8 Stunden, Dan_Civic schrieb:

falls du nicht verstehst was ich meine suche situationen in deinem leben in denen du selbstbewusst auftrittst und es auch bist. beobachte deinen bewusstseinszustand in diesen momenten und dann vergleiche es mit momenten in denen du nicht selbstbewusst bist. dann merkst du schnell was ich meine. einmal erkannt kannst du dieses prinzip überall anwenden. es ist immer die gleiche mechanik die dort arbeitet. nur die emotionen, orte, menschen und situationen sind anders. aber das spielt im kern keine rolle.

wenn du den ursprung des problems begreifst kannst du jeden tag dankbar dafür sein. es ist ein geschenk unschätzbaren wertes.

Ich weiß was du meinst - und das hat eben mit Sicherheit zu tun. Es gibt ja die Angsttherapie, in denen man genau so etwas lernt (Face everything and recover). Jede unbekannte Situation wird in uns naturgemäß Ängste und Unwohlsein auslösen, das ist denke ich normal und gesund. Wichtig ist auch hier zu wissen, warum das so ist - denn dann kann man sich zumindest selbst beruhigen. 

vor 10 Stunden, Helmut schrieb:

Selbstwert hat für mich auch immer mit unseren eigenen Werten und Bewertungsmodellen zu tun. Könnte mir vorstellen das da bei dir eine Neuorientierung ansteht. Also z.B. von externer Validation auf interne Validation. Weg von "Ich bin wert was ich leiste" zu "Ich bin wert weil ich einfach ich bin".

Nach deinen anderen Threads gabs bei dir ja einiges zu verdauen und zu verarbeiten. Wäre professionelle Begleitung eine Option? Das geht halt deutlich einfacher und schneller als im Selbststudium mit Büchern oder Ähnlichem.

Ich war auch in professioneller Hilfe, hat mir jetzt nicht so viel gebracht, weil sie mir nichts anderes erzählt haben, als das, was ich schon im Selbststudium gelernt oder hier im Forum erfahren habe. Ganz ehrlich: Ihr habt mir wesentlich mehr geholfen, als alle Psychologen. Das Forum hat auch starken Gruppentherapie-Charakter. Insbesondere dadurch dass man anonym ist, fällt es mir oft leicht(er), mir Probleme von der Seele zu reden.

Im Übrigen merke ich, dass langsam aber sicher mein Selbstbewusstsein auch deswegen zurückkehrt, weil ich ENDLICH in einem Job bin, der inhaltlich super ist, bei dem das Geld passt und wo ich unglaublich tolle Arbeitskollege habe. Die letzten 7 Jahre waren durchzogen von miesen Jobs, in denen ich beleidigt, ausgenutzt, verbrannt wurde. Die ewigen Rückschläge haben mich einfach verbittert. Vor allem mein Ehrgeiz und meine Familie haben mich da raus gepusht. Trotzdem: 

Man MUSS auch Glück haben im Leben. Man kann viel lernen, hart arbeiten, sich durchbeißen: aber ohne das Quäntchen Glück bringt dir das alles nicht viel. 

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vor 3 Minuten, Bondig schrieb:

Im Übrigen merke ich, dass langsam aber sicher mein Selbstbewusstsein auch deswegen zurückkehrt, weil ich ENDLICH in einem Job bin, der inhaltlich super ist, bei dem das Geld passt und wo ich unglaublich tolle Arbeitskollege habe. 

Das freut mich ehrlich für dich! Aber was würde passieren, wenn dieser Job aus was für Gründen auch immer wegfällt?

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vor 21 Minuten, Patrick B schrieb:

Das freut mich ehrlich für dich! Aber was würde passieren, wenn dieser Job aus was für Gründen auch immer wegfällt?

Die Frage ist berechtigt. Mir ginge es sicherlich wieder schlechter, weil Geld fehlt, Aufgabe fehlt, Routine fehlt. 

Ich bin schon bei dir: jeder muss lernen möglichst unabhängig von äußeren Faktoren zu sein, auf die er keinen Einfluss nehmen kann. Ich habe mich ja auch viel mit der Stoa auseinander gesetzt und war besonders von Epiktet beeindruckt: er war Sklave und wurde damals von seinem Herren verkrüppelt (Beine gebrochen). Aber er hat sich komplett von dem Ereignis abgetrennt, weil er wusste, dass er es nicht beeinflussen kann, da es außerhalb seiner Macht liegt. Für mich ist das schon Depersonalisierung, aber in bestimmten Situationen ist das der letzte Ausweg unserer Psyche (s. Viktor Frankl's KZ-Erlebnisse aus psychotherapeutischer Sicht).

Was mich interessiert: Muss ich meinen Selbstwert nicht von irgendwas abhängig machen? Z.B. davon integer zu sein, ethisch zu handeln (zu versuchen), kritisch zu sein? Laut Rechtssprechung ist ja das Leben eines Menschen unendlich viel wert, daher kann man auch Leben nicht mit Leben verrechnen. Nur wie gebe ich mir selbst das Gefühl, dass alles ok ist?! Dass ich qua meiner Existenz unendlich viel wert bin?

Meine größte Angst ist, dass ich dann stehen bleibe, träge und faul werde und ich hasse das Gefühl... 

Ich für meinen Teil habe feste Werte, nach denen ich lebe und auch hier finde ich die vier Kardinaltugenden als moralischen Kompass durchaus hilfreich: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung und Weisheit. Damit kann man arbeiten. 

bearbeitet von Bondig

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vor 15 Stunden, Bondig schrieb:

Oft habe ich Sachen akzeptiert, die mir nicht gefallen haben, einfach um den Gegenpart nicht zu verletzen, habe es runtergeschluckt usw

 

vor einer Stunde, Bondig schrieb:

Es war mir nicht bewusst, dass ich mich viel zu häufig aus Angst vor Ablehnung angepasst habe

Ich denke, das ist noch ein Relikt aus deiner Kindheit, das fast alle Jungs mit sich herumtragen: Die Angst vor Liebesverlust durch Mami.

Du kennst das bestimmt: Mama ist irgendwie sauer auf einen und sofort fühlt man den Impuls, etwas zu tun, damit sie einen wieder lieb hat.

Das machen so gut wie alle Jungs dann auch beim Kennenlernen von Frauen und in Partnerschaften mit ihnen.

Sie antwortet nicht bei WhatsApp? Oh nein, ist sie sauer auf mich? Schnell fragen, ob alles okay ist.

Der Freundin sitze ein Furz quer und sie keift mich an? Oh nein, sie hat mich nicht mehr lieb. Besser schnell ein leckeres, aufwendiges Essen kochen, damit sie mich wieder lieb hat.

 

Das einzige, was du da tun kannst mMn: Kill den kleinen, liebesbedürftigen Jungen in dir und werde der Mann, der genau davor (dem Liebesverlust) keine Angst hat. DAS unterscheidet den Jungen vom Mann und DAS ist es, was Frauen anziehend finden: Einen fertigen Mann, der seinen Platz in einer möglichen Partnerschaft mit Kindern einnehmen würde.

Du demonstrierst damit, dass du die "Liebe" von deiner Frau und euren Kindern nicht brauchst. Denn wenn du dich so für die Frau verbiegst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du, wenn deine Kinder wegen einer disziplinarischen Maßnahme durch dich ebenfalls sauer auf dich sind, einknickst, weil du es nicht erträgst, und damit eure Kinder schlecht erziehst und schlecht auf die Welt vorbereitest.

Vergiss nicht: Du bist der Mann. Du musst damit leben, deine Frau und Kinder immer etwas mehr zu lieben als sie dich.

Das erwarten Frauen aber von dir. Dass du deinen Teil der Aufgaben wahrnimmst, so wie sie ihre Aufgaben wahrnehmen wird. Das kannst du aber nicht, wenn du nicht ihr Mann, sondern ein zusätzliches Kind bist, das, wie beschrieben, Panik bei Liebesverlust bekommt und nicht mehr in der Lage ist, zu tun, was getan werden muss.

Du kannst entweder ihr Mann sein oder ihr Sohn. Niemals beides.

Im Grunde musst du dich, denke ich, nur damit beschäftigen, was Männer von Jungs unterscheidet und sukzessiv die jungenhaften Impulse und Handlungen erst kontrollieren und dann abstellen.

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vor 1 Stunde, apu2014 schrieb:

Ich denke, das ist noch ein Relikt aus deiner Kindheit, das fast alle Jungs mit sich herumtragen: Die Angst vor Liebesverlust durch Mami

Wie oft habe ich das gelesen und nie verstanden... Jetzt hat es klick gemacht! Alle Fehler, alle miesen Erfahrungen und Gefühle machen mit dem Kontext jetzt endlich Sinn! Das muss man erstmal begreifen... Wie oft habe ich mich verbogen, um wieder geliebt zu werden! Und da sind wir wieder beim Thema "Gefallen wollen". Aus dem Blickwinkel habe ich das nie betrachtet. Instinktiv wusste ich immer, dass ich nicht so weiter machen kann wie bisher und dass alle Beziehungen so unglücklich waren, musste ja einen Grund haben. Durch Sport, Aussehen usw wollte ich besonders männlich wirken. Zwar fühlt sich das gut an, aber es hat nie den gewünschten Effekt erzielt. Irgendwas hat da einfach nicht gepasst... Ich war nicht kongruent! 

Aber woher soll man es auch besser wissen? Mein Vater verhält sich so, alle Väter die ich kenne verhalten sich so. Alles kleine Jungs, die emotional abhängig sind. Und alle Typen in festen Beziehungen um mich herum verhalten sich so. Wenn man so aufwächst, muss man erstmal diese ganzen Denkmuster verstehen und im Anschluss durchbrechen... 

Und genau diese emotionale wie sexuelle Abhängigkeit hat mich schon immer angekotzt und mich instinktiv davon abgehalten wieder in eine LTR einzusteigen. Nur wusste ich nie was mich da blockt und hemmt. Es war immer nur so ungutes Gefühl. 

Finde das gerade ziemlich umwerfend und augenöffnend. Danke euch! 

bearbeitet von Bondig
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Selbstwertgefühl: "Ich fühle mich selbst gut, stark und attraktiv."

Selbstvertrauen: "Das schaffe ich!" (Gerade bei Angst am wichtigsten)

Selbstbewusstsein (als Basis): "Ich bin mir meiner Selbst bewusst. Mir ist bewusst, was ich denke, was ich tue, wer ich bin, was meine Werte und was meine Stärken und meine Schwächen sind."

Mal so vereinfacht dargestellt.

bearbeitet von Froncolo

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vor 3 Stunden, Froncolo schrieb:

Selbstwertgefühl: "Ich fühle mich selbst gut, stark und attraktiv."

Selbstvertrauen: "Das schaffe ich!" (Gerade bei Angst am wichtigsten)

Selbstbewusstsein (als Basis): "Ich bin mir meiner Selbst bewusst. Mir ist bewusst, was ich denke, was ich tue, wer ich bin, was meine Werte und was meine Stärken und meine Schwächen sind.

Selbstvertrauen habe ich (meistens). Mal einen Tag mehr, mal einen Tag weniger. Also da ist Potential da. Selbstbewusstsein wir schon schwieriger. Ich entdecke immer wieder neue Seite an mir, die ich ausprobieren will. Es gibt jedoch für mich feste Werte, für die ich schon immer eingestanden habe, ABER: 

Nach Rücksprache mit Freunden und Bekannten erhalte ich immer wieder das gleiche Feedback:

Ich wirke wie nach außen wie ein "Aufreißer" (der ich gerne wäre - zumindest wäre ich gerne jemand, der weniger Probleme mit Frauen hätte), bin aber empathisch, nett, zuvorkommend. Also die Fassade deckt sich nicht wirklich mit dem Typen dahinter. Wer mich hier vom Texten her kennt weiß, dass ich mir viele Gedanken über mich und meine Umwelt mache. Ich bin kein Egomane, sondern denke auch an die restlichen Leute da draußen (ich versuche es zumindest). Und oftmals überrollen mich regelrecht meine Gefühle. Womit wir beim letzten Punkt wären:

Das größte Dilemma der letzten Jahre war und ist mein Selbstwert. 

Am 15.8.2019 um 23:56 , Helmut schrieb:

Selbstwert hat für mich auch immer mit unseren eigenen Werten und Bewertungsmodellen zu tun. Könnte mir vorstellen das da bei dir eine Neuorientierung ansteht. Also z.B. von externer Validation auf interne Validation. Weg von "Ich bin wert was ich leiste" zu "Ich bin wert weil ich einfach ich bin".

DAS ist der Knackpunkt! Ich habe das die letzten 20 Jahre nicht verstanden, aber JETZT habe ich es zumindest mit der Ratio begriffen: 

Ich bin in Ordnung - unabhängig von dem was ich leiste oder tue. Mein Selbstwert war auch nicht in meiner damaligen Beziehung "super" sondern ich habe lediglich externe Bestätigung durch meine Ex bekommen. Als mein damaliger Lebensentwurf zusammengebrochen ist, als mich meine Ex und meine Freunde "im Stich" gelassen haben, war mein SELBSTWERT im Keller, weil ich ihn von ihnen abhängig gemacht habe. Besser: von deren Zuneigung. ISv. "Wenn die mich mögen, dann bin ich toll, ansonsten bin ich minderwertig". Als Antwort darauf habe ich mich in Sport reingestresst, hatte sexuelle Flauten bzw. Probleme oder hatte sinnlose ONS, hab versucht durch herausragende Leistungen im Studium zu glänzen. Habe mich bis in den Burn-Out im ersten Job treiben lassen. Habe mich komplett verausgabt, nur weil ich Anerkennung haben wollte. Und obwohl ich vieles erreicht habe, obwohl ich Frauen hatte, obwohl ich neue Freunde habe, obwohl ich beruflich erfolgreich bin, fühle ich mich mies, weil ich versuche, mir von extern Bestätigung zu holen. Jetzt verstehe ich auch, warum das Problem in der Kindheit antrainiert wurde - denn ohne Liebe von den Eltern ist man "verloren", man kann ja noch nicht für sich alleine sorgen. Und was ist das Ergebnis des Ganzen? Nur unglückliche Beziehungen, kaputte Menschen, Depressionen, Hyper-Kompensation durch Drogen, Arbeit - schlichtweg verbrannte Erde. 

Jahrelang habe ich mir eingeredet, dass ich Erfolg bei Frauen haben werden, wenn ich nur gut genug aussehe, wenn ich Reputation im Job habe, wenn ich das tue und jenes tue. Ich meine ich habe viel erreicht, darauf bin ich auch stolz, aber ich habe keine Lust mehr mich von der Laune anderer Menschen abhängig zu machen.

Jetzt am Wochenende ist es wieder passiert: Ich wurde emotional ausgenutzt. Meine ehemalige Affäre hat mich eingeladen, ich dachte "cool - immerhin Sex" und am Ende gab's gar nichts - außer dass ich mit ihr auf einer Hochzeit war und sie Fotos von uns an ihren aktuellen Typen geschickt hat (mit den sie ja angeblich in einer offenen Beziehung lebt, womit eine gemütlicher Fick mit mir ja kein Probleme wäre, jaja). 

Immerhin hat mir die letzte, schlaflose Nacht (neben ihr im Bett - ihr glaubt gar nicht, wie mies man sich fühlen kann, wenn man in so einer Situation steckt) eines klar gemacht: Ich kann meinen Wert nicht von Ergebnissen abhängig machen. Ich muss endlich für mich anerkennen, dass ich ok bin, so wie ich bin. Warum hat mir das NIEMALS jemand in der Schule oder im Studium erzählt? Kein Wunder, wenn die Sozialarbeiter glücklichere Menschen sind - sie haben sich ja jahrelang mit solchen Themen beschäftigt. Kein Wunder, dass (die meisten) Ing's introvertiert und BWLer abhängig von "Performance" sind. 

Dieses beschissene Bauchgefühl, dass ich seit Jahren mit mir rumschleppe, hat endlich eine Erklärung gefunden. Mein Selbstwert ist im Arsch. Und um das ganze Dilemma zu kaschieren, habe ich  eine Fassade um mich herum aufgebaut. Aber das muss man erstmal raffen! Jahrelang wird dir im Studium, im Freundeskreis, auf der Arbeit irgendein Scheiß erzählt. NICHT EINER der mal gekommen ist und meinte "Hey Bondig - du bist ok, echt ein cooler Typ - ganz ohne dein Aussehen, deine Erfolge, deine Fehler - einfach so - du bist schwer in Ordnung!" 

Jetzt merke ich, dass ich mich jahrelang komplett verrannt habe, aber so ist das Leben nun mal. Jetzt kapiere ich auch den Erfolg von den ganzen "Womanizern" oder besser: von glücklichen Menschen! Sind finden sich einfach ok. Jeder ist ok. Man muss sich einfach nur so fühlen. 

Da stellt sich mir nur eine abschließende Frage: 

Wie mach ich das? Wie zum Geyer bekomme ich es hin, mich einfach "super" zu fühlen. Nicht mehr diese Unsicherheit, diesen Druck usw. zu spüren. Ich war ja nicht erfolgreich bei Frauen, weil es mir Spaß gemacht hat, sondern weil der Beweggrund (externe Bestätigung) schlicht der falsche war! Ich wollte erfolgreich sein, weil ich glaubte, es zu müssen, um mich besser zu fühlen. Um mich aufzuwerten. Und dann habe ich mich gewundert, wenn ich mich im Nachgang nie besser gefühlt habe. 

Also nochmal: Wie verinnerliche ich diese Einstellung, dass ich ok bin? Das Verstand und Herz deckungsgleich sind. Dass ich Rückschläge akzeptiere, daraus lerne und weiter mache - aber mir das Ganze (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht mehr zu Herzen nehme? Ich will nie wieder in eine Depression rutschen, nie wieder der Typ sein, den Frauen ausnutzen, damit sie sich selbst aufwerten können (irgendwie fühlt man sich wie "vergewaltigt", missbraucht - einfach schlecht). Wie schaffe ich es zu sagen: 

"Scheiß drauf, ich bin ok!"

Und vor allem will ich meine Emotionen wieder leben, raus lassen! Lachen, feiern, weinen, trauern, ficken, kuscheln - alles! Aber mit dem richtigen "Mindset" und nicht mit dem "falschen"... 

Wie schaffe ich es, mir meinen Wert einfach zuzugestehen? 

 

Ich bin gerade ziemlich durch den Wind, ist gerade eine krasse Achterbahnfahrt... 

DANKE an alle, die mich hier immer wieder aufgebaut und Mut gemacht haben!

Ich will ja nicht sentimental werden, aber das Forum hat mir wirklich viel geholfen... 

Gruß, B

 

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Find ich grad sehr cool, klingt als ob bei dir wirklich etwas aufgeht jetzt konkret. :-)

vor 22 Minuten, Bondig schrieb:

NICHT EINER der mal gekommen ist und meinte "Hey Bondig - du bist ok, echt ein cooler Typ - ganz ohne dein Aussehen, deine Erfolge, deine Fehler - einfach so - du bist schwer in Ordnung!" 

Das Ding is... wenn du im Außen validiert lebst, dann lädst du die Leute ja genau dazu nicht ein. Du zeigst ja gar nicht wer du bist "ohne dein Aussehen, deine Erfolge..."

Heißt: Du musst den Leuten schon auch die Chance geben dich zu sehen wie du bist. Nicht wie du erscheinen möchtest weil du denkst es sei erwartet.

vor 22 Minuten, Bondig schrieb:

Wie mach ich das? Wie zum Geyer bekomme ich es hin, mich einfach "super" zu fühlen.
...
Also nochmal: Wie verinnerliche ich diese Einstellung, dass ich ok bin? Das Verstand und Herz deckungsgleich sind. 
...

Wie schaffe ich es zu sagen: "Scheiß drauf, ich bin ok!"

Such dir mal die Buchempfehlungen von @Herzdame raus. Einfache Antworten und "Patentrezepte" gibt's für diesen Prozess allerdings keine. Deshalb auch der Tipp mit der professionelle Begleitung dabei. Gerade wenn du sagst:

vor 22 Minuten, Bondig schrieb:

Und vor allem will ich meine Emotionen wieder leben, raus lassen! Lachen, feiern, weinen, trauern, ficken, kuscheln - alles!

...hätte ich den Impuls dir einen guten Gestalttherapeuten zu suchen. Weil dieses "sich selbst spüren" halt viel leichter zu erlernen ist wenn dir jemand dabei hilft.

bearbeitet von Helmut

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vor 25 Minuten, Helmut schrieb:

...hätte ich den Impuls dir einen guten Gestalttherapeuten zu suchen. Weil dieses "sich selbst spüren" halt viel leichter zu erlernen ist wenn dir jemand dabei hilft.

Das nehem ich mal mit... Es ist halt nur so nervig, einen Platz zu finden. Und ihn mit der Arbeit in Einklang zu bringen. 

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Dazu eine passende Leseprobe... ;-) (ich liebe dieses Buch, kann ich sehr empfehlen)

 http://www.gestalt.de/gestalttherapie-einladung.html

Zitat

Anarchie gibt's nicht auf Krankenschein

Gestalttherapie bekommen Sie nicht als Kassenleistung. Das ist unseres Erachtens auch nicht verwunderlich.
 

Der Grund für die Ablehnung des Gestaltansatzes durch die Krankenkassen ist sicherlich nicht Unwirksamkeit. Gestalttherapie ist nämlich ein höchst wirkungsvoller psychotherapeutischer Ansatz. Bereits kurz nach der Entwicklung der Gestalttherapie fand sie Anwendung in Bereichen, in denen man viel davon versteht, ob ein Ansatz effektiv ist oder nicht, nämlich in der Organisationsentwicklung und im Coaching von Führungskräfte der Wirtschaft. Bis heute ist das so. Bei einem bekannten multinationalen Konzern beispielsweise ist immer ein Gestalttherapeut dabei, wenn sich die Führungskräfte international treffen. Seine Aufgabe besteht darin, die TeilnehmerInnnen aus all den unterschiedlichen Ländern und Kulturen zur wirksamen Zusammenarbeit zu animieren - und sie zu ermutigen, echte Konflikte auszutragen.

Daß Kassen in Deutschland die Gestalttherapie nicht bezahlen, ist nur auf einem anderen Hintergrund verständlich, nämlich wenn man sich die politische Dimension dieses Ansatzes in Erinnerung ruft. Die Gestalttherapie will Menschen dabei unterstützen, ihr Subjektsein zu entfalten und ganz in Besitz zu nehmen. Dieses Anliegen hat ganz eindeutig politische Implikationen. Anarchistische Bewußtseinsbildung auf Krankenschein - das ist doch wirklich nicht zu erwarten.

Dazu kommt, daß Gestalttherapie sich nicht der kategorisierenden und brandmarkenden herkömmlichen Diagnostik und Krankheitslehre unterwirft. Sie spricht, wie Sie in den vorangegangenen Abschnitten lesen konnten, gar nicht von Krankheit im seelischen Sinne. Störungen, hinderliche Symptome versteht sie eher als frühere Problemlösungsversuche, die heute bloß neue und z.T. größere Probleme mit sich bringen.
 

Vielmehr sind immer mehr Menschen bereit, für ihre Gestalttherapie auch die finanzielle Verantwortung zu übernehmen. Das hat schon für sich genommen eine positive Wirkung.
 

Als ein Bekannter mir vor einigen Wochen davon berichtete, daß seine Krankenkasse mehr als 300 Stunden Psychoanalyse für ihn im letzten Jahr (allein in einem Jahr!) bezahlt hatte, war ich durchaus empört. 300 Stunden! Die wenigsten Gestalttherapie-KlientInnen brauchen mehr als 100 Stunden. Für manchen reichen 50 Stunden Gestalttherapie aus, um neue Schritte gehen zu können.
 

Man müßte mal die Zeit- und Geldverschwendung ausrechnen, die eine von der Krankenkasse finanzierte Psychoanalyse bedeutet und das dann dem gegenüberstellen, was man als Klient spart, wenn man für seine Gestalttherapie selbst aufkommt…

Daß Selbstzahlung oft schon der erste Schritt zur Heilung bedeutet, möge diese kurze Erinnerung verdeutlichen:

Ein iranischer Student kam zu mir in die Praxis. Er sei zutiefst depressiv. Seine Freundin habe ihn aufgefordert, eine Therapie zu machen, sonst würde sie sich von ihm trennen. Also saß er in sich gesunken in meiner Praxis, sprach mit extrem leiser Stimme. Er berichtete, daß er überhaupt nicht mehr in die Fachhochschule zum Technik-Studium ginge. Eigentlich würde er nur noch zuhause sitzen und rumhängen. An zwei Tagen in der Woche arbeite er für seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer, das reiche.
 

Ich sagte ihm, daß er eine Gestalttherapie bei mir selbst bezahlen müsse. Ich wolle mit ihm bis auf weiteres zwei Stunden wöchentlich arbeiten. Als ich ihm meinen Stundensatz sagte, wich er erschrocken zurück: »Dann muß ich ja zwei weitere Tage Taxi fahren.« Ich fragte ihn, ob sein Arbeitgeber das ermöglichen könne.
»Der schon,« antwortete er. Nach dieser kostenlosen ersten Probesitzung verlies er meine Praxis. Ich rechnete nicht ernsthaft damit, ihn noch einmal wiederzusehen. Aber nach etwa sechs Wochen rief er mich an und sagte, daß er nun zur Gestalttherapie bereit sei. In der Tag arbeite er dann zwei Tage wöchentlich mehr, um so seine Sitzungen bezahlen zu können. Später einmal hat er mir für mein Beharren auf den zweimal wöchentlich stattfindenden Therapiesitzungen gedankt. So sei er aus seiner Starre wieder in Bewegung gekommen.
 

Fazit: Selbstzahlung heißt, selbst Verantwortung zu übernehmen - und das ist bereits der erste Schritt zur Heilung.

Ich bin normalerweise zurückhaltend damit jemand eine bestimmte Therapie- bzw. Beratungsrichtung zu empfehlen, weil die Chemie von Klient und Berater/Therapeut in der Regel wichtiger ist als die angewandte Methode, und jeder Klient sich im Idealfall seinen passenden Zugang selbst finden wird.

In deinem Fall allerdings, ausgehend auch von dem was du in deinem vorherigen Thread geschrieben hast, trifft das für meine Ohren so ziemlich den Kern des Gestaltansatzes so wie ich ihn verstehe. Nämlich eben diese "Wiederbelebung des Selbst", wieder den direkten Draht zu den eigenen Emotionen zu bekommen, und diese auch spontan und kreativ auszudrücken im Kontakt mit der Welt um dich herum. Für mich steckt das alles auf wunderschöne Weise in diesem Satz, den ich so sehr mag das er sogar meine eigene Homepage ziert, und an den mich dein eigenes Zitat oben erinnert hat:

Zitat

Ich will aus dem fließenden Hier, jetzt und Wie schöpfen. Wirklich atmen, wirklich sitzen, wirklich über dieser Erde gehen, wirklich sprechen, wirklich zuhören, wirklich schreien, genießen und erzürnt sein: Ganz auf diese Welt kommen – Bruno-Paul De Roeck.

Wenn du da beim Lesen was gespürt hast (ich krieg immer noch Gänsehaut bei dem Zitat) dann wäre das mein Tipp für dich.

bearbeitet von Helmut

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