Die Enttäuschung im sozialen Kreis: Wo sind die Freunde geblieben?

16 Beiträge in diesem Thema

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Ich fühle mich in meinem sozialen Kreis, insbesondere seit den 30ern, zunehmend enttäuscht und frage mich, ob ich mit diesem Empfinden allein stehe. In meiner Studienzeit hatte ich etwa zwanzig Freunde (davon 8 enge Freunde), doch mittlerweile sind es nur noch eine Handvoll, wenn überhaupt. Der traurige Gedanke, dass viele dieser Freundschaften wohl auseinanderfallen würden, wenn nicht ich die Initiative ergreifen würde, belastet mich. Auf der anderen Seite denke ich mir dann - wenn von denen nie Eigeninitiative kommt, ist es das letztendlich auch nicht wert.

Es scheint, als ob zu 99% die Kontaktaufnahme und die Organisation von Aktivitäten allein von mir ausgeht. Diese einseitige Dynamik zieht sich nicht nur durch meine Erfahrungen, sondern betrifft auch meine Frau bzw. ihren Freundeskreis. Die Frage, die sich mir aufdrängt, ist, ob die meisten Menschen heutzutage tatsächlich weniger Interesse an Freundschaften haben, oder ob es an anderen Faktoren wie Zeitmangel liegt. Ist es möglich, dass sie es einfach nicht brauchen? (ich rede hier nicht von GEN-Z, sondern von Menschen Anfang 30.

Besonders frustrierend finde ich es, wenn Freunde wegziehen. In den letzten Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst die besten Freundschaften in der Distanz verblassen können. Trotz meiner Bemühungen, den Kontakt aufrechtzuerhalten, schwindet die Verbundenheit, und die Freundschaft zerbricht.

Die Suche nach Antworten auf meine Fragen blieb bisher erfolglos, und ich stehe vor der Entscheidung, neue Wege zu gehen. Ich überlege, mich neuen Aktivitäten wie Rudern oder ehrenamtlicher Arbeit zu widmen, um so die Chance zu haben, neue Freundschaften zu schließen.

Mich würde interessieren, wie es euch in eurem Freundeskreis ergeht. Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Habt ihr das Gefühl, dass Freundschaften oberflächlicher werden und viele einfach nicht mehr die Initiative ergreifen? Für mich und meine Frau ist dies eine gemeinsame Herausforderung, und der Gedankenaustausch mit anderen, die ähnliches erleben, könnte hilfreich sein. Entgegen viele der 'Freunde' habe ich schon Familie bzw. einen 6 Monat alten Sohn und trotzdem kommt die Initiative von mir.

Bitte teilt eure Erfahrungen und Gedanken dazu. Wie geht ihr mit Veränderungen im Freundeskreis um? Findet ihr auch, dass sich viele Freundschaften mit der Zeit oberflächlicher gestalten? Ich freue mich darauf, von euch zu hören und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

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Ich bin ebenfalls in meinen 30ern und kann das zum Grossteil bestätigen.

Jeder lebt sein Leben mit "9 to 5 Job" und danach noch Familie, da bleibt zwangsläufig weniger Zeit als in den "wilden 20ern". Insofern bin ich auch niemandem böse, wenn er sich weniger meldet. 

Auch, dass Freunde wegziehen habe ich schon erlebt, da ist man faktisch machtlos dagegen, dass Freundschaften "verblassen". Wobei die Freundschaft daran nicht zwingend "sterben" muss. Ich habe einen Kameraden, der ist 500km weit weg gezogen und man sieht sich vielleicht 1x pro Jahr. Und wenn es jeweils soweit ist, dann ist es herzlich als ob man sich erst gestern noch gesehen hat. Man hat dann einfach viel mehr zu erzählen.

Was ich speziell spüre, ist das Aufteilen des Freundeskreises in "mit Kindern" und "ohne Kinder". Sobald man selbst Kinder hat, hat man einen ganz anderen Fokus und andere Prioritäten als diejenigen, die bewusst oder gezwungenermassen kinderlos sind. Und der Kontakt zwischen den Gruppen nimmt dann spürbar ab, weil man weniger gemeinsame Interessen hat. Kann man auch nicht ändern.

Schlussendlich hege und pflege ich meine Freundschaften indem entweder ich einlade (z.B. Geburtstag) oder indem ich an Aktivitäten teilnehme die von anderen initiiert wurden. So zeigt man seine Wertschätzung.

Dass es wieder wird wie in den 20ern ist illusorisch, aber wenn man willens ist, die Freundschaften zu pflegen, dann ist es schon möglich, auch in den 30ern noch gute Freundschaften zu haben.

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Ich kann dich gut nachvollziehen. Früher hat mich das auch frustriert. Mittlerweile habe ich ähnliches Mindset wie bei Frauen: geht der eine, kommt der andere. In diesem Leben ist halt nichts auf Dauer.

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Ich finde es interessant, wie wichtig den meisten Menschen viele Freunde sind bzw. oft und regelmäßig was mit denen zu unternehmen. Bei Frauen wohl noch etwas stärker ausgeprägt als bei Männern.

Ich komme mit zwei sehr guten Freunden und 2-3 weitere mit losen seltenen Kontakten sehr gut zurecht. Habe gar nicht das Verlangen sie häufig zu sehen oder oft zu telefonieren. Früher bis Anfang der 20er war das anders, viele Freunde, nach der ARbeit oder Schule sofort anrufen und was unternehmen. Jetzt genieße ich die Ruhe und ziehe das Treffen mit den Mädels vor, ist mir ehrlich gesagt wichtiger. Mag sein, dass sich das in 10 Jahren, wenn ich Ü50 bin ändert und mir Männerfreundschaften wichtiger werden.

Versuch doch erstmal mit deiner handvoll Freunden auszukommen? Warum den Stress machen?

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vor 8 Minuten, MitPep schrieb:

Ich finde es interessant, wie wichtig den meisten Menschen viele Freunde sind bzw. oft und regelmäßig was mit denen zu unternehmen. Bei Frauen wohl noch etwas stärker ausgeprägt als bei Männern.

Ich komme mit zwei sehr guten Freunden und 2-3 weitere mit losen seltenen Kontakten sehr gut zurecht. Habe gar nicht das Verlangen sie häufig zu sehen oder oft zu telefonieren. Früher bis Anfang der 20er war das anders, viele Freunde, nach der ARbeit oder Schule sofort anrufen und was unternehmen. Jetzt genieße ich die Ruhe und ziehe das Treffen mit den Mädels vor, ist mir ehrlich gesagt wichtiger. Mag sein, dass sich das in 10 Jahren, wenn ich Ü50 bin ändert und mir Männerfreundschaften wichtiger werden.

Versuch doch erstmal mit deiner handvoll Freunden auszukommen? Warum den Stress machen?

Könnte von mir geschrieben sein. Wie alt bistn?

Ich hätte auch nicht mehr die Zeit mich um so viele Leute zu kümmern. Ein paar gute Freunde reichen doch. Man genießt mittlerweile Prioritäten zu haben, bin jetzt fast 36 und eine gute Partnerin zu finden ist mein aktuelles Ziel.

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Ja, ist so und dieses "Problem" wird es immer geben.

Die Faktoren der Veränderung sind/waren m. E. Frau, Karriere, Kinder. Dazu würde ich noch die persl. Entwicklung und die Corona-Zeit zählen. 

Die Betrachtung muß immer beidseitig erfolgen, liegt/lag auch an mir. Mein Lebenstil ist FKK-Fraktion "unangemessen". 

Mittlerweile habe ich die Erkenntnis gewonnen, daß sich mein Bekanntenkreis so alle 6 - 7 Jahre ändert. Auch das ist beidseitig begründet.

Ich habe die Umstände akzeptiert und lebe mein Leben wie ich es kann und mir paßt.

@MitPep

Bin Ü 50 und habe einen Spezl aus/seit Kindergartentagen, den Rest würde ich als lose Bekannten bezeichnen. Wenn Du in dem Alter keine Männerfreundschaften hast, wird's schwierig. 

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vor 7 Minuten, Niemann-N schrieb:

Ja, ist so und dieses "Problem" wird es immer geben.

Die Faktoren der Veränderung sind/waren m. E. Frau, Karriere, Kinder. Dazu würde ich noch die persl. Entwicklung und die Corona-Zeit zählen. 

Die Betrachtung muß immer beidseitig erfolgen, liegt/lag auch an mir. Mein Lebenstil ist FKK-Fraktion "unangemessen". 

Mittlerweile habe ich die Erkenntnis gewonnen, daß sich mein Bekanntenkreis so alle 6 - 7 Jahre ändert. Auch das ist beidseitig begründet.

Ich habe die Umstände akzeptiert und lebe mein Leben wie ich es kann und mir paßt.

@MitPep

Bin Ü 50 und habe einen Spezl aus/seit Kindergartentagen, den Rest würde ich als lose Bekannten bezeichnen. Wenn Du in dem Alter keine Männerfreundschaften hast, wird's schwierig. 

Das kann ich mir gut vorstellen, evtl. liegen dann die Prioritäten einfach anders. An mir selbst würde es auch wahrscheinlich nicht scheitern; ich kann gut connecten, wenn ich denn das Bedürfnis habe. Und ich habe selbst gemerkt, wie sich im Laufe der Jahre Interessen, Ansichten ändern, egal in welcher Hinsicht, wer weiß wie es in ein paar Jahren aussieht.

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vor 17 Stunden, Creator90 schrieb:

Der traurige Gedanke, dass viele dieser Freundschaften wohl auseinanderfallen würden, wenn nicht ich die Initiative ergreifen würde, belastet mich. Auf der anderen Seite denke ich mir dann - wenn von denen nie Eigeninitiative kommt, ist es das letztendlich auch nicht wert.

Habe einen großen Freundeskreis und ergreife trotzdem oft Initiative. Liegt einfach daran, dass die meisten Menschen extrem passiv sind und mit dem Alter noch bequemlicher werden. (Leider) absolut normal. Wie so oft im Leben muss man die Extrameile gehen, wenn man mehr will. Selbst Partys veranstalten, zum Grillen/Fußball einladen, auf andere zugehen. 

Ich würde auch nicht die Initiative ergreifen, wenn ich das Gefühl hätte, dass kein Interesse besteht. Die meisten freuen sich aber darüber, dass ich den ersten Schritt mache. Wenn ich jetzt feststellen würde, dass trotz Kontaktaufnahme kein Treffen zustande kommt, würde ich es langfristig auch sein lassen. Ist aber genau umgekehrt, meistens intensiviert dich die Beziehung nach einem Treffen wieder. 

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Am 19.1.2024 um 22:24 , Creator90 schrieb:

Ich fühle mich in meinem sozialen Kreis, insbesondere seit den 30ern, zunehmend enttäuscht und frage mich, ob ich mit diesem Empfinden allein stehe. ...

Mich würde interessieren, wie es euch in eurem Freundeskreis ergeht. Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Habt ihr das Gefühl, dass Freundschaften oberflächlicher werden und viele einfach nicht mehr die Initiative ergreifen?

 

Oh ja, das Thema treibt mich auch um. Ich habe bereits einige Beiträge dazu verfasst, die du gerne nachlesen kannst.

Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie du. Als gewollt Kinderlose ist man bei den Eltern leider nicht mehr hoch im Kurs. Die treffen sich lieber mit anderen Eltern und lassen ihre Sprößlinge miteinander spielen.

Allerdings habe ich eine Beziehung, sprich auch bei den Singles passen ich nicht optimal rein. Die suchen eher Leute zum Feiern gehen und

über ihre Dates ablästern. Konstruktive Kritik will da auch niemand hören, die Männer sind sowieso alle die "Bösen"... ich befinde mich also

in einer Art Nische, was es schwierig macht, wirklich Menschen zu finden, die von den Lebensumständen her zu mir passen.

 

Ich habe mich bei Bumble Bff auf die Suche gemacht und dort glücklicherweise vier nette Frauen gefunden, mit denen ich mich oft treffen und Kontakt habe.

Drei Singlefrauen und eine Mutter von zwei Kindern. Passt zwar von der Lebenslage her nicht, aber ansonsten sind das alles tiefgründige Frauen mit Sinn für Humor. Sie melden sich regelmäßig bei mir, schlagen Treffen vor und der Invest ist absolut ausgeglichen!

 

Über Spontacts habe ich auch eine Freundin gefunden. Ich kann diese Gruppentreffen allerdings nicht empfehlen, da dort natürlich "Kreti und Pleti" aufkreuzen, ohne jegliche Preselection und es dann natürlich mit den allerwenigsten Frauen matched.

 

Man muss es auch wirklich wollen und dran bleiben, es ist ähnlich wie beim Dating. Man hat ebenfalls eine Kennenlernphase und das wahre Ich einer Person sieht man auch oft erst beim dritten oder vierten Treffen, wenn die Maske fällt. Es ist und bleibt anstrengend, aber ich bin sehr froh und glücklich über meine neue Kontakte.

 

Die alten sind sehr faul und bequem geworden.

Bestes Beispiel: Ich schrieb eine alte, kinderlose Unifreundin mit Halbtagsjob von mir an, die ich seit 20 Jahren kenne. Ob sie mich zu einem Event begleiten wolle? Es handelt sich um eine "In-Ausstellung", deren Besuch lediglich eine Stunde dauert... Ihre Antwort: "Bin busy", angehängter Terminkalender... da waren allerdings auch ein paar freie Tage dabei

oder Termine wie "Katzenklo reinigen" und "Attest abholen", sprich ein Treffen wäre durchaus drin gewesen. Naja wer nicht will, der hat schon...

 

Ich eine der Bumble Frauen gefragt. Die Frau hat fünf Kinder, führt ein Unternehmen und läuft Halbmarathon- die ist also WIRKLICH busy!

Ihre Anwort war "ja klar, wann treffen wir uns?".

 

Das hat mir die Augen geöffnet. Wo ein Wille, da ein Weg.

 

Ich habe die Unifreundin zuletzt im Januar gesehen. Im September feiert sie ihre Hochzeit. Unter den Umständen überlege ich ernsthaft, ob ich da noch hingehen soll...

bearbeitet von Female_M

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Die Sache mit den männlichen Freunden, die verschwinden, sobald sie in einer Beziehung landen, habe ich inzwischen auch mehrfach durch. Je länger diese Jungs solo - und damit meist auch verzweifelt - waren, desto heftiger wird der Rückzug, wenn sie dann mal eine haben, die sich ihrer annimmt. Die lassen dann für die neue Flamme nahezu alles und jeden fallen. Zuletzt erlebt mit einem guten Freund, der mit 34 Jahren stets mehr oder weniger erfolglos "gejagt" hat. Als ich ihn kennenlernte war er wirklich weit davon entfernt ein Typ zu sein, den Frauen gut finden. Aber er hat das Herz am rechten Fleck. Der Ablauf ist dann aber leider fast immer derselbe: Die Freundschaft wird enger, man baut die Jungs auf, nimmt sie mit zum Sport, etabliert eine enge Freundschaft. Und dann gibt's irgendwann den Treffer bei Tinder. Meist ist das dann eine echter Gegenpart, also eine Frau, die ihrerseits schon länger auf dem Markt ist und nun endlich in den "sicheren Hafen" einlaufen möchte. Und schwups sind die Jungs mit einem Male komplett von der Bildfläche verschwunden. Und da wird einem dann wieder mal klar, dass alles was davor an Freundschaft existiert und diese ausgemacht hat nur Mittel zum Zweck gewesen ist. Für mich persönlich immer wieder extrem enttäuschend, leider aber eher die Regel als die Ausnahme.

Ein wenig besser läuft es mit Freunden, die selbstbewusster sind und in der Vergangenheit tendenziell mehr Erfolg bei den Damen hatten. Da lässt es dann natürlich auch irgendwann spürbar nach, aber der Wandel ist nicht ganz so krass.

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Am 9.5.2024 um 14:12 , ariello schrieb:

Und schwups sind die Jungs mit einem Male komplett von der Bildfläche verschwunden. Und da wird einem dann wieder mal klar, dass alles was davor an Freundschaft existiert und diese ausgemacht hat nur Mittel zum Zweck gewesen ist. Für mich persönlich immer wieder extrem enttäuschend, leider aber eher die Regel als die Ausnahme.

 

Den Part kann ich voll und ganz so unterschreiben... sehr bitter, aber ich habe daraus gelernt.

Die "Lösung" für mich war, mir nur Freunde auf Augenhöhe zu suchen. Die ebenso erfolgreich sind, was das Thema Beruf, Männer, Gesundheit etc.

angeht und ihre Hausaufgaben im Leben gemacht haben, inklusive Persönlichkeitsentwicklung. Diese Freunde vertreten dieselben Werte wie ich, da passieren solche Klamotten zum Glück nicht mehr.

 

Es gehören auch immer zwei dazu, einen der nimmt und einen, der sich ausnutzen lässt. Ich kann dir nur empfehlen, im Vorfeld

nicht so viel zu "geben", sprich die Jungs mit ins Gym oder in den Club zu nehmen, sie zu fördern und zu trösten... man hat leider nur die Rolle des Seelentrösters und wie du schon richtig erfahren hast wird man nicht mehr gebraucht, wenn die Person auf einmal selbst erfolgreich ist. Eher assoziieren sie mit dir dann ihr "altes Ich", das ihnen unangenehm ist und distanzieren sich daher von dir.

 

bearbeitet von Female_M
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Ich sehe da mehrere Faktoren.

Der Lebensabschnitt in dem man sich befindet.

In der Schule klebt man gezwungenermaßen jeden Tag aufeinander und sucht sich aus dem Kreis Freunde. Man synchronisiert sich ständig mit allen möglichen Erlebnissen und hat dadurch auch eine Vertrautheit. Andererseits kann man Deppen nicht ausweichen und ist der Klassengemeinschaft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Erwachsene wissen davon gar nichts. Man liest Karl May, die drei Fragezeichen (heute wohl Tiktok) und hat entsprechend romantische Vorstellungen von ewiger Freundschaft.

In der Uni hat man mit Glück noch ein paar Leute aus der Schulzeit um sich herum. Vielleicht in einem anderen Studiengang, aber irgendwie zum Treffen in der Mensa reichts noch. Ein paar Leute lernt man neu kennen, und weil alle noch jung sind ist man relativ leicht in irgendeiner Gruppe. Aber keiner von denen weiß, was man vor dem Abi gemacht hat, und heute hat man wohl nur noch semesterweise Zeit, sich näher kennenzulernen, bis wieder durchgewürfelt wird. Neue Kurse, Orgasmus/Erasmus-Austauschprogramm, und nach drei Jahren fliegen sowieso alle mit Abschluß raus.

Dann das Arbeitsleben. Wo sollen da Freunde herkommen?

Dann Rentner. Da trinkt man einen Kaffee am Seniorennachmittag der Volkshochschule und freut sich, daß man mal wieder Gesellschaft hatte.

Ein weiterer Faktor, Land oder Stadt.

Ich merke das, wenn ich mal  10, 20 km aus der Großstadt raus komme und zu irgendwelchen Feuerwehrfesten, THW, Dorffest oder so gehe, daß da komplett andere Stimmung ist wie in der Stadt. Alles voller Familien, jeder kennt jeden, man wohnt seit 100 Jahren am selben Fleck und ist seit Generationen verknüpft. In der Großstadt weiß man nichtmal, wer im Stockwerk über einem wohnt. Und auf dem Stadtfest dort ist man so anonym wie in einem Food Court in einem Flughafenkaufhaus.

Ein Onkel von mir hatte seinen Fünfzigsten auf dem Dorf mit seinem Gesangsverein gefeiert. So 80 oder 100 Leute an dem Abend, natürlich auch Freunde und Verwandtschaft. Dagegen habe ich meinen 50. in der Großstadt alleine in einem Museum verbracht, das an dem Tag freien Eintritt hatte. Ach nee, kann nicht sein, weil da gerade Corona war. Also war ich wohl nur alleine, ohne Museum. :-D

Noch ein Faktor, die persönliche Disposition.

Manche Leute sind Gruppenmenschen, manche haben einzelne beste Freunde, manche sind totale Einzelgänger. Gruppen aus Gruppenmenschen sehen von außen betrachtet total zusammengeschweißt aus. Aber wenn das nicht zufällig schon eine Gruppe aus der Kindheit ist, scheint mir das eher gezwungen. Die Leute brauchen Gruppe, also geben sie sie sich halt gegenseitig. Aber 20 Mann vom Handballclub, die auf Mallorca feiern, oder auch nur Samstag in der Disco, die sitzen zwar zusammen, aber interessieren sich doch nicht wirklich füreinander. Die Rudel dieser Art die ich so kenne, sind jedenfalls sehr oberflächlich. Man spricht in Worthülsen und konzentriert sich weder auf persönliche noch sachliche Themen. Außer Fußball, das geht immer.

Dieselbe Sorte Leute, wo den ganzen Tag Pop-Antenne XY "mit dem Schrecklichsten der 80er und 90er und dem Müll von heute" im Büro läuft. Das kommt wohl aus der Steinzeit, solange man am Lagerfeuer Leute und Stimmen um sich herumhatte, war alles in Ordnung.

Ich glaube, wenn man beruflich oder familiär aus dieser Gruppe rausfliegt, weil zu weit weg oder keine Zeit, mehr, dann ist man genauso alleine als wenn man eher der Einzelfreunde-Mensch ist und man diese aus den Augen verliert.

Und dann ist noch ein Faktor die Generationensache.

So ähnlich wie alte Männer Hut tragen: Es ist nicht so, daß man ab 60 plötzlich einen Hut aufsetzt. Sondern, die Leute, die mit 60 (heute tatsächlich eher die 80-90jährigen) Hut tragen, haben den auch schon mit 20 getragen, weil man das zu ihrer Zeit so gemacht hat. Genauso ist man vor 30 oder 50 Jahren mit Freundschaften anders umgegangen. Bzw. mit Bindungen, mit Menschen. Man vergleiche das bald 100 Jahre alte Lied "Ein Freund, ein guter Freund" mit dem Gangsta-Rap-Müll-Aso-Scheiß auf den die heutigen kaputten Kinder alle stehen.

Ich merke, daß ich heute besser mit Menschen umgehen kann als in meinen jungen Jahren. Aber es kann nichts dabei rauskommen, wenn ich Leute beim Tanzen, beim Gärtnern, irgendwo beim Feiern kennenlerne. Man trifft sich zu einem bestimmten Thema, aber das gibt keine Freundschaft. Bin neulich bei so einem Urban-Gedöns-Garten vorbeigekommen, wo ich vor 12 Jahren (!) praktisch bei der Gründung dabei war. Durch Zufall waren auch noch zwei Leute da, die wenige Jahre später dazukamen. War ein nettes Gespräch, durchaus mit Tiefgang über das Leben als solches und überhaupt, aber es sind und bleiben halt Bekannte. Von denen ich nichtmal die Telefonnummer habe und auch gar nicht will. Und das zieht sich eigentlich durch alle Lebensbereiche: Es bleibt bei Bekanntschaften.

Es gibt hier übrigens auch schon seit Jahrzehnten keine Lösung dafür, wie man einen Social Circle bekommt. :-D  Sondern das ist eher so ein "Wenn man kein Brot (Frauen) hat, soll man doch Kuchen (großer Freundeskreis) essen."

 

 

bearbeitet von HerrRossi
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Am 15.5.2024 um 03:09 , HerrRossi schrieb:

Ich sehe da mehrere Faktoren.

Der Lebensabschnitt in dem man sich befindet.

In der Schule klebt man gezwungenermaßen jeden Tag aufeinander und sucht sich aus dem Kreis Freunde. Man synchronisiert sich ständig mit allen möglichen Erlebnissen und hat dadurch auch eine Vertrautheit. Andererseits kann man Deppen nicht ausweichen und ist der Klassengemeinschaft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Erwachsene wissen davon gar nichts. Man liest Karl May, die drei Fragezeichen (heute wohl Tiktok) und hat entsprechend romantische Vorstellungen von ewiger Freundschaft.

In der Uni hat man mit Glück noch ein paar Leute aus der Schulzeit um sich herum. Vielleicht in einem anderen Studiengang, aber irgendwie zum Treffen in der Mensa reichts noch. Ein paar Leute lernt man neu kennen, und weil alle noch jung sind ist man relativ leicht in irgendeiner Gruppe. Aber keiner von denen weiß, was man vor dem Abi gemacht hat, und heute hat man wohl nur noch semesterweise Zeit, sich näher kennenzulernen, bis wieder durchgewürfelt wird. Neue Kurse, Orgasmus/Erasmus-Austauschprogramm, und nach drei Jahren fliegen sowieso alle mit Abschluß raus.

Dann das Arbeitsleben. Wo sollen da Freunde herkommen?

Dann Rentner. Da trinkt man einen Kaffee am Seniorennachmittag der Volkshochschule und freut sich, daß man mal wieder Gesellschaft hatte.

Ein weiterer Faktor, Land oder Stadt.

Ich merke das, wenn ich mal  10, 20 km aus der Großstadt raus komme und zu irgendwelchen Feuerwehrfesten, THW, Dorffest oder so gehe, daß da komplett andere Stimmung ist wie in der Stadt. Alles voller Familien, jeder kennt jeden, man wohnt seit 100 Jahren am selben Fleck und ist seit Generationen verknüpft. In der Großstadt weiß man nichtmal, wer im Stockwerk über einem wohnt. Und auf dem Stadtfest dort ist man so anonym wie in einem Food Court in einem Flughafenkaufhaus.

Ein Onkel von mir hatte seinen Fünfzigsten auf dem Dorf mit seinem Gesangsverein gefeiert. So 80 oder 100 Leute an dem Abend, natürlich auch Freunde und Verwandtschaft. Dagegen habe ich meinen 50. in der Großstadt alleine in einem Museum verbracht, das an dem Tag freien Eintritt hatte. Ach nee, kann nicht sein, weil da gerade Corona war. Also war ich wohl nur alleine, ohne Museum. :-D

Noch ein Faktor, die persönliche Disposition.

Manche Leute sind Gruppenmenschen, manche haben einzelne beste Freunde, manche sind totale Einzelgänger. Gruppen aus Gruppenmenschen sehen von außen betrachtet total zusammengeschweißt aus. Aber wenn das nicht zufällig schon eine Gruppe aus der Kindheit ist, scheint mir das eher gezwungen. Die Leute brauchen Gruppe, also geben sie sie sich halt gegenseitig. Aber 20 Mann vom Handballclub, die auf Mallorca feiern, oder auch nur Samstag in der Disco, die sitzen zwar zusammen, aber interessieren sich doch nicht wirklich füreinander. Die Rudel dieser Art die ich so kenne, sind jedenfalls sehr oberflächlich. Man spricht in Worthülsen und konzentriert sich weder auf persönliche noch sachliche Themen. Außer Fußball, das geht immer.

Dieselbe Sorte Leute, wo den ganzen Tag Pop-Antenne XY "mit dem Schrecklichsten der 80er und 90er und dem Müll von heute" im Büro läuft. Das kommt wohl aus der Steinzeit, solange man am Lagerfeuer Leute und Stimmen um sich herumhatte, war alles in Ordnung.

Ich glaube, wenn man beruflich oder familiär aus dieser Gruppe rausfliegt, weil zu weit weg oder keine Zeit, mehr, dann ist man genauso alleine als wenn man eher der Einzelfreunde-Mensch ist und man diese aus den Augen verliert.

Und dann ist noch ein Faktor die Generationensache.

So ähnlich wie alte Männer Hut tragen: Es ist nicht so, daß man ab 60 plötzlich einen Hut aufsetzt. Sondern, die Leute, die mit 60 (heute tatsächlich eher die 80-90jährigen) Hut tragen, haben den auch schon mit 20 getragen, weil man das zu ihrer Zeit so gemacht hat. Genauso ist man vor 30 oder 50 Jahren mit Freundschaften anders umgegangen. Bzw. mit Bindungen, mit Menschen. Man vergleiche das bald 100 Jahre alte Lied "Ein Freund, ein guter Freund" mit dem Gangsta-Rap-Müll-Aso-Scheiß auf den die heutigen kaputten Kinder alle stehen.

Ich merke, daß ich heute besser mit Menschen umgehen kann als in meinen jungen Jahren. Aber es kann nichts dabei rauskommen, wenn ich Leute beim Tanzen, beim Gärtnern, irgendwo beim Feiern kennenlerne. Man trifft sich zu einem bestimmten Thema, aber das gibt keine Freundschaft. Bin neulich bei so einem Urban-Gedöns-Garten vorbeigekommen, wo ich vor 12 Jahren (!) praktisch bei der Gründung dabei war. Durch Zufall waren auch noch zwei Leute da, die wenige Jahre später dazukamen. War ein nettes Gespräch, durchaus mit Tiefgang über das Leben als solches und überhaupt, aber es sind und bleiben halt Bekannte. Von denen ich nichtmal die Telefonnummer habe und auch gar nicht will. Und das zieht sich eigentlich durch alle Lebensbereiche: Es bleibt bei Bekanntschaften.

Es gibt hier übrigens auch schon seit Jahrzehnten keine Lösung dafür, wie man einen Social Circle bekommt. :-D  Sondern das ist eher so ein "Wenn man kein Brot (Frauen) hat, soll man doch Kuchen (großer Freundeskreis) essen."

 

 

Wow - toller Text. Richtig gut 🙂 Geht natürlich eher in die pessismistische Richtung und gehört auch zu meiner Wahrnehmung. 😞 

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Ohne selbst proaktiv NEUE Leute fortwährend anzulabern/kennenzulernen, sitzt man heutzutage tatsächlich schnell allein da.

Man kann jetzt natürlich die "Schuld" bei den anderen und der Gesellschaft suchen, aber was hilft das einem? Nix!

Ansonsten wurde hier ja schon festgestellt: die Freunde für "ALLE" Aktivitäten wie früher gibt's nicht mehr.

Man trifft sich halt mit XYZ für Besuch in Disco A und mit ABC für Besuch in Club B und mit QWERTZ liegt man eben am See.

Obwohl ich eigentlich "vielfältig interessiert" bin, gibt's immer noch massenweise ultra-individualisierte Leute da draußen, die trotzdem nicht mit mir matchen...

bearbeitet von SMB
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Am 15.5.2024 um 03:09 , HerrRossi schrieb:

Gruppen aus Gruppenmenschen sehen von außen betrachtet total zusammengeschweißt aus. Aber wenn das nicht zufällig schon eine Gruppe aus der Kindheit ist, scheint mir das eher gezwungen. Die Leute brauchen Gruppe, also geben sie sie sich halt gegenseitig. Aber 20 Mann vom Handballclub, die auf Mallorca feiern, oder auch nur Samstag in der Disco, die sitzen zwar zusammen, aber interessieren sich doch nicht wirklich füreinander. Die Rudel dieser Art die ich so kenne, sind jedenfalls sehr oberflächlich.

 

Das sehe ich genauso.

Ich bin auch absolut kein Gruppenmensch bzw. Herdentier, dazu bin ich viel zu selbstständig und freiheitsliebend.

Gruppen haben ihre eigene Gruppendynamik und Gruppenregeln, beispielsweise wird jedes Jahr an Fronleichnam nach Malle geflogen,

an Weihnachten trifft man sich am 2. Feiertag und Silvester verbringt man dann in Köln. Da heißt es "Klappe halten und mitmachen", wer

andere Vorstellungen hat, fliegt aus der Gruppe. Traurig, aber viele Menschen sind sehr bequem und froh, Anschluss zu finden und

laufen dann wie ein Schäfchen einfach mit.

 

 

Am 15.5.2024 um 03:09 , HerrRossi schrieb:

Es gibt hier übrigens auch schon seit Jahrzehnten keine Lösung dafür, wie man einen Social Circle bekommt.

 

Doch, ich hab es in einigen Forenposts erläutert.

Ich war letztes Jahr sehr unzufrieden mit meinem Social Circle bzw. mit ein paar Individuen. Stichwort Energievampire, die sich nur melden,

wenn sie sich ausheulen wollten.

Ich wurde bei Spontacts und Bumble BFF aktiv und habe nun fünf neue Freunde, die den Namen auch verdienen plus noch 2, 3 Bekannte nebenbei.

Für Juli habe ich eine Veranstaltung bei Spontacts eingestellt- die war nach 24 Stunden direkt ausgebucht. Auch da schrieben mich Frauen an und

fragten um ein Treffen vorab, mal auf n Kaffee etc.

Man muss aktiv bleiben, auf Leute zugehen und ja, es ist am Anfang anstrengend und manchmal auch frustrierend.

Aber von nix kommt halt einfach auch nix.

bearbeitet von Female_M
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